AKTUELL

Ein Rückblick auf die Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2021

PATIENT INNENSTADT –
Therapie Denkmalpflege?

Brauchen wir noch Innenstädte und wozu?


Foto: Marcus Lumma

Unter den durch Corona bedingten Einschränkungen konnte die Jahrestagung in diesem Jahr in Präsenz und mit großem Echo in der Gebläsehalle des Industriedenkmals Henrichshütte in Hattingen stattfinden. Die Rolle der Innenstädte in einer sich durch die Folgen von Online-Handel und Pandemie stark wandelnden Konsumwelt wird vielfach diskutiert. Statt aber nur über Funktionen zu sprechen, stellte die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege den Baubestand in den Fokus, das baukulturelle Erbe, das durch Leerstände und Mindernutzungen bedroht ist. In der Gastgeberstadt Hattingen habe sich die schon in den 1960er Jahren eingerichtete Fußgängerzone, aber auch das innerstädtische Kaufhaus bewährt, berichtete … in seiner Begrüßung. Thomas Schürmann vom Ministerium MHKBG NRW verwies in seinem Grußwort darauf, dass die Innenstadt schon lange ein „Patient“ sei und er verwies auf die umfangreichen Fördermaßnahmen des Landes NRW zur Stärkung der Innenstädte. Die Therapie heute könne nicht allein mit, aber auch nicht ohne Denkmalschutz erfolgreich sein. Allerdings sei die Anpassungsfähigkeit für Umnutzungen Voraussetzung für den Erhalt. Kultur müsse im Zentrum jeder Stadtentwicklung stehen und der öffentliche Raum, der immer mehr als ein Marktplatz gewesen sei, mache den Wert der europäischen Stadt aus.

Christian Huttenloher, Generalsekretär des DV, nahm den Faden auf mit Verweis auf das Positionspapier zur Baukultur von 2020. Die Neue Leipzig Charta habe das Dialogprinzip als Vorbild für neue Akteursallianzen in den Innenstädten etabliert. In ortsbezogenen Ansätzen müssten mehrere Ebenen zusammen gedacht werden für die grüne Stadt, die produktive Stadt und die gerechte Stadt. Neue „dritte Orte“ mit gemischten Nutzungen sollten gemeinwohlorientiert sein, ohne die Wirtschaftlichkeit aus dem Blick zu verlieren. Diesem Thema widmete sich Block II am Nachmittag mit einer Einführung aus immobilienwirtschaftlicher Sicht durch Andreas Schulten, Generalbevollmächtigter von bulwiengesa. Eine wesentliche Erkenntnis daraus: Die Niedrigzinspolitik der vergangenen Jahre habe dazu beigetragen, die Bodenpreise explodieren zu lassen und dies wiederum zu dem aktuellen Missverhältnis zwischen Kosten und erzielbaren Mieten in den Erdgeschosszonen. Eine Lösung könne die Kompensation im Quartier darstellen. Aber neu entwickelte Quartiere verschärften mit ihren Erdgeschossnutzungen den Wettbewerb mit dem Bestand in den Innenstädten. Die bisherige Konsumgesellschaft habe sozial stark integrativ gewirkt. Diese gesellschaftliche Homogenität bestehe nicht mehr. Neue Managementansätze sollten Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft vernetzen. Wesentliche Treiber für den Erhalt von Bestandsgebäuden und deren Um- und Weiternutzung sei sowohl die Identifikation mit dem Ort und seinem Umfeld als auch die Schonung von Ressourcen, darin waren sich die Akteure in der Diskussionsrunde einig. Häuser, die die Menschen „mögen“, so eine Aussage von Stefan Kutscheid, Faco Immobilien, stellten dauerhaft einen Wert dar und fänden immer wieder angemessene Nutzungen.

Der Blick auf die Genese von Städten durch Prof. Dr.-Ing. Karsten Ley, hochschule 21 in Buxtehude, verdeutlichte den permanenten Wandel der Innenstädte in ihrer Körnigkeit mit Maßstabssprüngen und tiefgreifenden Veränderungen, seit das Bauen im 19. Jahrhundert industrialisiert wurde und der Effizienzgedanke zu wachsender Bebauungsdichte führte. Mit dem Erhalt von Innenstädten werde die materielle Quellenlage für Stadtgeschichte erhalten, deshalb sei städtebauliche Denkmalpflege so wichtig. Die „Therapie“ Fußgängerzone habe Innenstädte erst zur dominanten Einzelhandelszone gemacht, woran heute der „Patient Innenstadt“ krankt. Eine gute „Anamnese“ müsse die Morphologie bewusst machen im Zusammenspiel von Gestalt und Raum.

Die Monotonen Einzelhandelslagen mit ihren Schaufenstern schaffen keine Wohlfühlatmosphäre, das ergaben Befragungen in Essen. Es fehle in der traditionellen Einkaufsstadt das emotionale Zentrum, die „Bummel-Verfassung“ im Umfeld der kulturellen Orte. Menschen brauchen Orte, die sie kennen. Dies ergänzte Irene Wiese von Ofen aus dem reichen Fundus ihrer internationalen Erfahrungen. Authentizität ergebe sich nicht nur aus der Substanz des Gebauten, sondern auch aus der Bedeutung von Orten in einer „joint vision“ der Menschen. Wer sie einbezieht, kann auf einer hohen Akzeptanz aufbauen. Allerdings: nur Bewahren des Überkommenen sei kein Erhalt. In der Diskussion stellte sich heraus, dass in den Überlegungen zur Innenstadtbelebung die gegensätzlichen „Bilder“ sehr heterogener Bevölkerungsgruppen bisher kaum Beachtung finden und bauliche Veränderungen meist nur einem globalen Mainstream folgen.

Im Schlusspanel beschäftigte sich der Stadtplaner Rolf Junker noch einmal mit dem Phänomen der Fußgängerzonen. Sie waren der Anlass zum Bau von Umgehungsstraßen und Parkhäusern und sind heute „Ladenhüter“, deren Situation dadurch noch verschärft worden sei, dass innerstädtische Shoppingcenter nicht nur die Verkaufsflächen, sondern auch die zurückzulegenden Wege verdoppelt hätten. Die Probleme seien demnach weitgehend hausgemacht. Internethandel und Corona wirkten nur als Brandbeschleuniger. Er stimmte der Anregung von Wiese von Ofen zu, alternative Finanzierungsmodelle zu entwickeln etwa über Bürgerfonds. Daraus könnten Umbauprämien gezahlt oder Mietnachlässe gewährt werden, um die gestiegenen Kosten für Umbau und Umnutzung zu decken.

Die Praxisbeispiele verdeutlichten eindrucksvoll, welche kreativen Möglichkeiten ein unverstellter Blick auf Bestandsgebäude öffnet wie die „Neuen Höfe“ in Herne des Entwicklers Landmarken AG, die als Coverbild das Leitmotiv der Tagung lieferten. Eher spekulativ sind die Untersuchung aufgegebener Kaufhäuser und deren Potential in einem Masterstudiengang an der RWTH Aachen unter Anne-Julchen Bernhardt. Vor der Realisierung steht dagegen die Umwandlung der Hauptverwaltung der Telekom in Bochum. Dort begann der Denkprozess mit einem – ungebetenen – Vorschlag der Architekten Farwick – Grote und einer Bürgerbefragung: Stellt euch die Innenstadt ohne Einzelhandel vor – was bleibt dann? Jetzt entsteht dort das „Haus des Wissens“ mit VHS und einer UniverCity als Anker der Hochschulen in der Innenstadt plus Markthalle – ein offener „dritter„ Ort für alle, mit schöner Architektur.

In ihrer Zusammenfassung benannte Prof. Christa Reicher für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege noch einmal wesentliche Stichworte:

MEDIZIN:

  • Multicodierbarkeit von Bauten, Erdgeschossen, Denkmälern
  • Fußgängerzone neu gestalten – Nutzungswandel
  • “Dritte Orte“ – großmaßstäblich oder eher kleinteilig?
  • Bürgerfonds als neue Form der Finanzierung
  • Best Practice als Blaupause
  • Vision auch als emotionale Bilder

 THERAPIE:

  • „Denkmalpflege kann nicht alleine die Therapie sein.“(Schürmann)
  • Präventives Vorgehen versus „Operation am offenen Herzen“
  • Therapie alleine funktioniert nicht immer – braucht es nicht auch den Chirurgen? (Ley)

Alle diese Anregungen lassen sich nur im Diskurs in neuen Akteursallianzen mit verlässlichen Verantwortungsgemeinschaften umsetzen.

Dr. Gudrun Escher
für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege


Veranstaltungsreihe
der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege

Download des Flyers

‚Der‘ Städtebau deutscher Großwohnsiedlungen
16. September 2021, 16:00-18:00 Uhr

Freiraumgestaltungen in Großwohnsiedlungen
14. Oktober 2021, 16:00-18:00 Uhr

Funktionale Mischungen und Zentren
18. November 2021, 16:00-18:00 Uhr

Mobilitätskonzepte und -praktiken
16. Dezember 2021, 16:00-18:00 Uhr

Vom Wert des soziopolitischen Anspruchs und andere Imaginationen
20. Januar 2022, 16:00-18:00 Uhr

Masse und Klasse der Architektur. Vom Bauen und Erhalten
10. Februar 2022, 16:00-18:00 Uhr

Vom ,Großen Plan‘ und den ,kleinen und großen Veränderungen‘
10. März 2022,16:00-18:00 Uhr

Ein Blick nach Europa
14. April 2022, 16:00-18:00 Uhr

Permanenter Zoomlink
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DRUCKFRISCH 2021
STADT UNTER DRUCK!

Klimawandel und kulturelles Erbe

Beiträge zur städtebaulichen
Denkmalpflege, Band 10

Diese Publikation widmet sich der Wechselbeziehung von ökologischer Nachhaltigkeit und kulturellem Erbe in der Stadt. Mit dem wachsenden Anspruch an Verdichtung und intensive Flächenausnutzung geraten unsere Städte zunehmend unter Druck: sozial, politisch, infrastrukturell und nicht zuletzt ökologisch. Hitzewellen, Starkregen und Luftverschmutzung führen uns deutlicher denn je vor Augen, dass eine sozial-ökologische Wende dringend erforderlich ist, um dem Klimawandel konstruktiv zu begegnen.

Wenn man auf ökologisch optimierte Stadtstrukturen, Bauten und Lebensweisen umstellen möchte, müssten unsere Städte und urbaner Alltag wohl völlig anders aussehen. Doch noch (er)trägt uns die »Europäische Stadt«, noch können wir uns an Gründerzeitquartieren erfreuen, Baudenkmäler hegen und gleichzeitig Stadtquartiere nachverdichten und viel Neues bauen. Mehr denn je drängt sich
jedoch die Frage auf, wie eine kluge nachhaltige Transformation der uns vertrauten und kompakten Stadt hin zu sozial-ökologisch nachhaltigen Stadtstrukturen, Freiräumen und Gebäudebeständen aussehen muss.

Die Publikation gibt aus den unterschiedlichen Perspektiven Antworten auf
folgende Fragen: Wie lassen sich Widersprüche zwischen dem Erhalt erhaltenswerter Bestandsstrukturen und ökologischer Anforderungen lösen? Wo liegen Konflikte, aber auch Synergien zwischen Klimaanpassung und Sicherung des kulturellen Erbes in der Stadt? Was von all dem, das uns an Stadtbildern und Stadtidentität lieb und vertraut ist, müsste auf den Prüfstand? Lässt sich eine Balance zwischen dem Erhalt von wertvoller und denkmalgeschützter Bausubstanz, dem Anliegen nach Verdichtung und dem Wunsch nach mehr Freiraum und Durchlüftung herstellen? Welche Instrumente können dabei helfen?

Autorinnen und Autoren dieses Bandes:
Dorothee Boesler, Stefan Bublak, Martin Bredenbeck, Thorsten Brokmann, Thomas Dietrich, Sabine Djahanschah, Carmen Enss, Gudrun Escher, Dagmar Haase, Christoph Klanten, Magdalena Leyser-Droste, Thomas Metz, Carola Neugebauer, Walter Ollenik, Ruth Orzessek-Kruppa, Christa Reicher, Ulrich Reuter, Rainer Rossmann, Claudia Schoppen, Thomas Schürmann, Simone Schüllner, Thomas Visser, Berit Weber

Herausgeber:
Magdalena Leyser-Droste, Carola Neugebauer, Walter Ollenik, Christa Reicher
erschienen im Verlag Kettler, 2020
156 Seiten, zahlr. farb. Abb.,  €
ISBN:


FACHGRUPPE

Das bauhistorische Erbe gilt als bedeutender Baustein bei der Profilierung von Städten und Regionen, insbesondere im Wettbewerb der Kommunen um Alleinstellungsmerkmale. Dabei scheint die denkmalpflegerische Güteklasse der historischen Bausubstanz nicht so sehr von Bedeutung zu sein wie die Unverwechselbarkeit des Ortes, geprägt durch die Vielfältigkeit und Einzigartigkeit der historisch gewachsenen Bausubstanz, innerhalb des städtebaulichen Gesamtgefüges. Besonders für Städte mit historischen Stadtquartieren, mit kulturell wertvoller Bausubstanz, ist es eine Herausforderung, die Pflege des kulturell wertvollen Erbes mit einer zukunftsfähigen städtebaulich/baulichen Entwicklungsplanung zu verknüpfen. Die Betrachtung von Denkmalschutz und Denkmalpflege unter dem besonderen Blickwinkel der städtebaulichen Relevanz birgt das Potential, die Auseinandersetzung mit dem historischen Bestand zu einem integrierten Baustein von Stadtplanung und ihren Planwerken und Planungsinstrumenten zu machen.

Akteure aus Universität, Wissenschaft und Praxis haben sich auf Initiative von Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher zu der Fachgruppe „Städtebauliche Denkmalpflege“ zusammengeschlossen:
• der Lehrstuhl und Institut für Städtebau und Entwerfen,
Fakultät Architektur, RWTH Aachen University
• das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH

Die Fachgruppe beschäftigt sich mit dem „Gedächtnis“ der Stadt, dem Stellenwert der historischen Bausubstanz für die Identität der Stadt und die Stadtentwicklung von morgen. Dabei gewinnen der Städtebauliche Denkmalschutz und die Städtebauliche Denkmalpflege auf der Bundes- und Landesebene zunehmend an Bedeutung in der Diskussion um die Perspektiven der Städte, auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung von Förderprogrammen.

Die Gruppe will mit ihren Aktivitäten eine Brücke zwischen Lehre, Forschung und Planungspraxis in den Kommunen schlagen und damit das Bewusstsein im Umgang mit dem baulichen Erbe unserer Städte stärken. Der Fokus der Fachgruppe liegt weniger auf der Auseinandersetzung mit dem einzelnen Objekt als vielmehr auf einer interdisziplinären Betrachtung des historischen Kontextes, die architektonische Gesichtspunkte mit wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekten verknüpft.