SAVE THE DATE
Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2017

WEITER BAUEN – Werkzeuge für die Zeitschichten der Stadt

Dienstag, 17. Oktober 2017 an der TU Dortmund

Den Kommunen stehen zum Schutz und zur Weiterentwicklung historischer Strukturen und Gebäude unterschiedliche Instrumente zur Verfügung: Denkmalpflegepläne, Denkmalbereichs- und Erhaltungssatzungen legen fest, was unverändert bleiben soll, Gestaltungssatzungen definieren die Ziele für das Erscheinungsbild eines fest umrissenen Stadtbereichs, Integrierte Stadtentwicklungskonzepte sollen helfen, eine abgestimmte Weiterentwicklung historischer Strukturen und Bestände zu ermöglichen. Der Aufstellung solcher Satzungen und Konzepte gehen in der Regel breite Abstimmungsprozesse zwischen Fachabteilungen, darunter auch den Denkmalämtern, voraus, aber ebenso Diskussionen mit interessierte

n Kreisen der Bevölkerung. Die Anwendung des Instrumentariums ist längst gängige Praxis – dennoch wird in jüngerer Zeit eine neue Dynamik spürbar. Entweder sind vorhandene Pläne nicht mehr aktuell, weil sie jüngere Zeitschichten nicht erfassen, oder die zur Verfügung stehenden Werkzeuge erwiesen sich unter veränderten Sichtweisen als unzureichend. Das Potenzial der Geschichte für die Zukunft des Städtischen wird noch nicht ausreichend beachtet, die vorhandenen Mittel zur Umsetzung werden noch zu wenig genutzt.

Wie kann bau- und stadthistorische Forschung dazu beitragen, das Bewusstsein für städtebauliche Denkmalpflege stärker als bisher in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern? Wie lassen sich die Qualitäten des Bestandes erfassen und für die zukünftige Stadtentwicklung aufbereiten? Wie können die Anforderungen einer modernen Stadtentwicklungspolitik hinsichtlich des Ausgleichs disparater Interessen mit dem vorhandenen Bestand verknüpft werden? Welche Instrumente stehen innerhalb der vorhandenen Förderkulisse, aber auch jenseits des Denkmalschutzes zur Verfügung? Städtebauliche Denkmalpflege öffnet Fenster in die Zukunft. Die Jahrestagung 2017 fragt, wer die Fenster öffnet und wie.

Das Programm im Einzelnen wird in Kürze veröffentlicht.


„MIT DEN RIESEN AUF AUGENHÖHE“

 

Das Projekt „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ porträtiert zehn Großbauten der 1960er und 1970er Jahre in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam ist den „Riesen“ in Aachen, Bochum, Bonn, Essen, Dortmund, Duisburg, Gronau, Köln und Paderborn, dass sie in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion standen und teilweise sogar vom Abriss bedroht war

en. Diese Bauten mit vorwiegend öffentlicher Nutzung prägen noch heute die Stadtstruktur vieler Städte. Sie stehen für eine euphorische Phase in Stadtplanung und Bauwesen und zeigen dabei oftmals architektonische und städtebauliche Qualitäten, die bisher kaum zusammenhängend betrachtet wurden. Aktuell befinden sich diese Riesen im Wandel, weil sie den derzeitigen und perspektivischen funktionalen Anforderungen nicht mehr gerecht werden, weil sie sanierungsbedürftig sind oder Denkmalschutz als Bedrohung empfunden wird.
Im Herbst 2017 wird eine dezentrale Veranstaltungsreihe in Kooperation mit den örtlichen Volkshochschulen durchgeführt. In Aachen, Bochum, Bonn, Essen, Dortmund, Duisburg, Gronau, Köln, Marl und Paderborn werden die Besonderheiten des jeweiligen Bauwerks nachvollziehbar: im Rahmen einer Abendveranstaltung werden die Objekte besichtigt und mit unterschiedlichen Akteuren öffentlich und aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert:

18. September 2017, Duisburg
Großwohnsiedlung „Weiße Riesen“ in Homberg-Hochheide

27. September 2017, Dortmund
Commerzbank und DoC Medical Center

04. Oktober 2017, Bochum
Ruhr-Universität Bochum

11. Oktober 2017, Bonn
Neues Stadthaus

18. Oktober 2017, Aachen
Bushof mit Volkshochschule

25. Oktober 2017, Dortmund
Wohnkomplexe Hannibal I + II

01. November 2017, Paderborn
Königsplätze, Wohn- und Handelskomplex

08. November 2017, Essen
Hauptverwaltung Karstadt

15. November 2017, Marl – ZUSATZTERMIN
Rathaus

22. November 2017, Köln
Ingenieurwissenschaftliches Zentrum der TH Köln

29. November 2017, Gronau
Rathaus

Die Teilnahme an den Veranstaltungen ist kostenlos; genauere Informationen zu Zeit und Ort der einzelnen Veranstaltungen sowie die Anmeldung erfolgen über die örtlichen Volkshochschulen. Das Programm sieht elf Termine vor und eine Übersicht kann hier heruntergeladen werden (PDF)


Rückblick auf die Jahrestagung 2016 der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege

„JENSEITS DES GEBAUTEN – Öffentliche Räume in der Stadt“

Mit etwa 150 Teilnehmenden traf die fünfte Jahrestagung der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege wieder auf ein interessiertes Fachpublikum. Das Themenspektrum der Referate und Diskussionsbeiträge bestätigte die Aktualität und Notwendigkeit einer intensiveren Beschäftigung mit dem öffentlichen Raum, ließ aber auch die Breite der Fragestellungen deutlich werden. Für eine Stadtplanung, die die öffentlichen Räume einbezieht, stelle die Städtebauliche Denkmalpflege eine wesentliche Leitlinie dar, noch aber werde der Fokus zu stark auf die Objekte selbst gelegt statt die Umgebung mit zu denken.  Mit den Instrumenten des Denkmalschutzes öffentliche Räume zu fassen, ist nicht einfach, zumal sie als Begriff im Handbuch der Städtebaulichen Denkmalpflege nicht enthalten seien, wie Dorothee Bloesler, LWL- Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, in ihrem Eingangsreferat ausführte. Elke Janßen-Schnabel vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland skizzierte später den Stand der Praxis. In Grenzfällen spreche man von einem „denkmalpflegerischen Interessensgebiet“ und versuche gemeinsam mit der Stadtplanung einen Leitfaden für die künftige Ausgestaltung zu erarbeiten. Beide trugen mit den Kernaussagen zum Thema bei, dass öffentliche Räume immer von gebauten Anlagen gefasst und dreidimensional zu denken seien und dass der Grundriss der Stadt das wichtigste Denkmal darstelle.

Tagung 2016Foto: Uwe Grützner

Als Einstieg ins Thema ließ Raimund Bartella, Kulturreferent des Dt. Städtetages, da er selbst erkrankt war, sechs Thesen zur kommunalen Kulturpolitik verlesen. Demnach zeige sich in den öffentlichen Räumen die Identität der Stadt, ihre Integrationsfähigkeit und Vielfalt und ihr Wille zu einer ressortübergreifenden qualitätsvollen Ausgestaltung. Kurz, der öffentliche Raum sei der Spiegel der Gesellschaft. Aktuell wird er positioniert zwischen einer „Verbetriebswirtschaftlichung“ (Bartella) und der Urbanisierung von Grün als „Alleskönnerraum“ (Christa Reicher) oder Verfügungsmasse unter städtebaulichem Wachstumsdruck. Er umfasst alles, Straßen und Plätze, Verkehrsbauwerke und Grünflächen oder aufgelassene Industrieanlagen mit einer Fülle administrativer Zuständigkeiten und doch ist er mehr als die Summe seiner Teile. Umso mehr gelte es, integrierte Handlungskonzepte auf solider historischer Analyse und im Austausch von Erfahrungen mit allen Akteuren aufzubauen und politisch abzusichern, einer Aufgabe, der sich alle Städte gegenübersehen, wie Berichte aus Zürich (David Ganzoni), Kopenhagen (Oliver Schulze) oder Paderborn (Claudia Warnecke) veranschaulichten.  Öffentliche Räume sind, das wurde klar herausgearbeitet, nicht das, was übrig bleibt, sondern wertvolle Möglichkeitsräume für das Ausbalancieren von Zielkonflikten und Nutzungskonkurrenzen und als solche riesige Denkräume „Jenseits des Gebauten“.

Dr. Gudrun Escher für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege

Der Veranstaltungsflyer:flyer-2016

 


 

Rückblick auf die Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2015

„Im großen Maßstab: RIESEN IN DER STADT“

Großstrukturen aus den 1960er und 1970er Jahren wie Verwaltungs- und Bildungseinrichtungen, Geschäftsbauten oder ganze Stadtzentren befinden sich aktuell im Wandel; Anlass genug für eine Annäherung in Gesamtbetrachtungen und Einzelanalysen im Rahmen der Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2015 an der TU Dortmund. Dabei wurde schnell klar, dass die Frage, ob Denkmal oder nicht, in welchem Umfang und mit welcher Begründung, nicht die einzig relevante ist. Als das Denkmalschutzgesetz Mitte der 1970er Jahre formuliert wurde, geschah dies aus Sorge um den älteren Bestand, um zu verhindern, dass „Riesen“ die alte Stadt überwuchern. In diesem Sinne argumentiere auch noch die Charta von Leipzig, wie die Landeskonservatorin für die Rheinlande Dr. Andrea Pufke in ihrer Begrüßung vermerkte. Wenn jetzt die dominanten Großbauten jener Zeit auf ihren Denkmalwert geprüft werden, hat dann die Denkmalpflege quasi die Seiten gewechselt?

Foto: Uwe Grützner

Foto: Uwe Grützner

 

Differenzierende Analyse tut not. Die mit rund 180 Teilnehmenden gut besuchte Tagung war in drei Themenblöcke gegliedert und widmete sich den Großbauten als städtische Dominante, diskutierte Großstrukturen im städtebaulichen Kontext und fragte nach der Bewusstseinsbildung und den Akteuren im Umgang mit den „Riesen in der Stadt“. Von freundlichen oder bedrohlichen Riesen wurde berichtet, Scheinriesen und Scheinzwergen, bunten, flachen, autonomen, sogar zärtlichen Riesen. Durchaus nicht alle Großstrukturen sind heute notleidend oder negativ stigmatisiert. Davon konnte Dr. Ulrike Wendland für Halle-Neustadt ebenso berichten wie Dr. Ursula Baus aus Stuttgart und Yasemin Utku beschrieb die ungebrochene Beliebtheit der Revierparks, den großen „Landschaftsmaschinen“ im Ruhrgebiet. Gerade an diesem Beispiel erwies sich ein weiteres Dilemma, denn viele dieser Großstrukturen wie z.B. auch die Campus-Hochschulen in NRW sind auf Erweiterung oder Veränderung, ergo auf weiterführende Prozesse hin angelegt, während Denkmalschutz den status quo fixiert. Wie lassen sich stadt- und landschaftsplanerische Konzepte schützen? Inwieweit ist das sinnvoll? Möglicherweise sind andere Instrumente jenseits des Denkmalschutzes zur Sicherung vorhandener Qualitäten angeraten. Andererseits kann das Faktum Denkmalschutz selbst schon die Inwertsetzung befördern, wenn Bewohner in der Großplatten-Stadt Halle-Neustadt feststellen, dass ihre Stadt ja nicht so schlecht sein kann, wenn sie denkmalwert ist. Hier ist ein sog. Werteplan in Arbeit. Um dem prozesshaften angemessen zu begegnen, warb Tim Rieniets, Leiter der Landesinitiative Stadtbaukultur NRW, nachgerade für die Wiederbelebung einer „Umbaukultur“. Wie aber soll die aussehen bei einem Gesamtkunstwerk wie dem ICC in Berlin, in dem alles noch den Geist der 1970er Jahre atmet vom Städtebau bis zum Teppichboden und der Kaffeetasse? Eine Lösung könnte die aktuell diskutierte Wiederbelebung als Kongresszentrum sein.

Für Fehlentwicklungen lassen sich vielerlei Ursachen ausmachen, von sperriger Materialität der Fassaden über gezielte Vernachlässigung – Merlin Bauer, Initiator der viel beachteten Aktionen „Liebe Deine Stadt“ in Köln, sprach nachgerade von „administrativem Vandalismus“ – bis zu städtebaulichen Veränderungen, die das Umfeld und damit den Kontext zerstören. Beispiele lieferte u.a. Dr. Olaf Gisbertz zum Thema der Kaufhäuser aus Braunschweig oder Marco Alexander Hosemann von der Initiative City-Hof in Hamburg. Dort konnte zwar der Denkmalschutz erwirkt werden, was aber das Bauensemble gegenüber dem Hauptbahnhof nicht zwangsläufig vor dem Abriss, den die Stadtspitze favorisiere, rettet. Die Initiative feierte denn auch den „Tag des offenen Abrisses“, wo anderswo Baudenkmale bewundert wurden. Ähnliches ist für das IBM-Ensemble in Stuttgart zu befürchten, das nach langem Leerstand verkauft und nun offenbar zur Nachverdichtung freigegeben ist. Wenn der Weg für Neuplanungen offen sei, würden selbst preisgekrönte Architekten zu Totengräbern des Bestandes, beklagte Dr. Ursula Baus.

Das Phänomen der „Aneignung“ spielt wohl eine besondere Rolle, ob und warum Nutzer eines Gebäudes oder Bewohner in die Lage versetzt werden, ihre Stadt zu begreifen, sich anzueignen. In diesem Sinne scheint ein Überdenken des „Erbe“-Begriffs aus dem nur wissenschaftlichen Kontext geboten bis hin zu der Frage, welchen Mehrwert eine Baustruktur für das Umfeld generiert. Weitgehend ausgeklammert bzw. nur am Rande erwähnt wurde der zukunftsbejahende Geist, aus dem heraus die Bauaufgaben damals definiert und ausgeführt wurden. Dabei müsste dann auch die künstlich beleuchtete Stadt gewürdigt werden mit ihren „Riesen in der Nacht“, so Christa Reicher von der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege in ihrem Schlusswort.

Dr. Gudrun Escher für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege