MIT DEN RIESEN AUF AUGENHÖHE

Das Projekt „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ porträtiert zehn Großbauten der 1960er und 1970er Jahre in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam ist den „Riesen“ in Aachen, Bochum, Bonn, Essen, Dortmund, Duisburg, Gronau, Köln und Paderborn, dass sie in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion standen und teilweise sogar vom Abriss bedroht waren. Diese Bauten mit vorwiegend öffentlicher Nutzung prägen noch heute die Stadtstruktur vieler Städte. Sie stehen für eine euphorische Phase in Stadtplanung und Bauwesen und zeigen dabei oftmals architektonische und städtebauliche Qualitäten, die bisher kaum zusammenhängend betrachtet wurden. Aktuell befinden sich diese Riesen im Wandel, weil sie den derzeitigen und perspektivischen funktionalen Anforderungen nicht mehr gerecht werden, weil sie sanierungsbedürftig sind oder Denkmalschutz als Bedrohung empfunden wird.
Im Herbst 2017 wird eine dezentrale Veranstaltungsreihe in Kooperation mit den örtlichen Volkshochschulen durchgeführt. In Aachen, Bochum, Bonn, Essen, Dortmund, Duisburg, Gronau, Köln, Marl und Paderborn werden die Besonderheiten des jeweiligen Bauwerks nachvollziehbar: im Rahmen einer Abendveranstaltung werden die Objekte besichtigt und mit unterschiedlichen Akteuren öffentlich und aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert:


Download: Bericht zum Projekt in der Bauwelt 19.2017 / StadtBauwelt 215


06.12.2017
Gronau, Rathaus

Begehung: 18.00 Uhr
Treffpunkt: Eingang Rathaus
Mitwirkende: Alexandra Apfelbaum, Stefan Rethfeld
Anfangszeit Vortrag/Diskussion: 19.00 Uhr/20.00 Uhr
Ort: Rathaus
Mitwirkende: Stefan Rethfeld, Münster (Vortrag); Frank Vetter, Stadtbaurat
Gronau; u.a.; Dr. Alexandra Apfelbaum (Moderation)

Anmeldung: Kursnummer 172-1300
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
http://www.vhs-gronau.de/index.php?id=8&kathaupt=12&knr=172-1300

 


29.11.2017
Paderborn, Königsplätze

Begehung: 17.00 Uhr
Treffpunkt: Eisdiele Königsplatz
Mitwirkende: Dr. Alexandra Apfelbaum, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 18.00 Uhr/19.00 Uhr
Ort: Historisches Rathaus Paderborn, Kleiner Saal
Mitwirkende: Dr. Alexandra Apfelbaum (Moderation), weitere angefragt

Anmeldung:
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
https://www.paderborn.de/veranstaltungen/vhs/mit-den-riesen-auf-augenhoehe—koenigsplaetze-wohn–und-handelskomplex.php


22.11.2017
Köln, Ingenieurwissenschaftliches Zentrum (IWZ)

Begehung: 16.30 Uhr
Treffpunkt: Ecke Reitweg, Deutz-Kalker-Straße
Mitwirkende: Dr. Ulrich Krings, ehem. Stadtkonservator; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 18.00 Uhr
Ort: TH Köln, IWZ, ZO 6-8 (Zentral Ost, 6. Etage, Raum 8)
Mitwirkende: Dr. Ulrich Krings, ehem. Stadtkonservator; N.N., Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW; N.N., Vertreter der Hochschule u.a.; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Kontaktadresse VHS / Anmeldung:  D 122404
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
https://vhs-koeln.de/Veranstaltung/titel-Mit+den+Riesen+auf+Augenhöhe+-+das+Ingenieurwissenschaftliche+Zentrum+der+TH+Köln/cmx58ac4ebc29750.html


15.11.2017  
Marl, Rathaus

Begehung: 17.30 Uhr
Treffpunkt: Eingangsbereich Museum Glaskasten, Creiler Platz
Mitwirkende: Dr. Alexandra Apfelbaum und Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vorträge: 18.30, Ort: Rathaus Marl, Creiler Platz Dr. Alexandra Apfelbaum zur Architekturgeschichte des Rathauses Marl Moritz Kappen: ?Eventuell für Jahrhunderte gebaut – Das Rathaus Marl heute? Andrea Baudeck zu neuen Perspektiven für Rathaus und Stadt
Diskussion: 19.30 Uhr, Ort: Rathaus Marl, Creiler Platz Mitwirkende: Andrea Baudek, Technische Dezernentin Stadt Marl; Moritz Kappen, Fotograf; Vertreter des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege (angefragt), Hartmut Dreier, Marl; Dr. Alexandra Apfelbaum und Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung: Volkshochschule Marl Kursnummer: 17B1017
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
http://www.vhs-marl.de/index.php?id=92&kathaupt=11&knr=17B1017&kursname=Mit+den+Riesen+auf+Augenhoehe <http://www.vhs-marl.de/index.php?id=92&kathaupt=11&knr=17B1017&kursname=Mit+den+Riesen+auf+Augenhoehe>


08.11.2017
Essen, Karstadt Hauptverwaltung

Begehung: 14.00 Uhr
Treffpunkt: Theodor-Althoff-Straße 2
Mitwirkende: Vertretung des Hauseigentümers publity AG; Dr. Gudrun Escher, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 18:30 Uhr
Ort: VHS Essen, Burgplatz 1, Kleiner Saal
Mitwirkende: Vertretung des Hauseigentümers publity AG; Dr. Petra Beckers, Denkmalamt Stadt Essen; Peter Brdenk, BDA Essen; Vertreter KZA Architekten; Kurt C. Reinhard, Dt. Werkbund NW; Dr. Gudrun Escher, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung:  Kursnummern: 172.2A228J (nachm. Vor Ort), 172.2C108J (abends VHS)
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
https://vhs-programm.essen.de/webbasys/index.php?kathaupt=18&suchesetzen=false&kfs_dozentid=9257


25.10.2017
Dortmund, Hannibal Wohnkomplexe

Begehung: 17.00 Uhr
Treffpunkt: Ecke Bornstraße/Jägerstraße
Mitwirkende: N.N./LEG-Wohnen; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 18.00 Uhr
Ort: Hannibal I, Bornstraße
Mitwirkende: Dr. Peter Kroos, kroos+schlemper Architekten (Input); Dr. Tobias Scholz, Mieterverein Dortmund; N.N., LEG-Wohnen; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung: Kursnummer 172-55002
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
https://vhs.dortmund.de/index.php?id=275&kathaupt=11&knr=172-55002&kursname=Mit+den+Riesen+auf+Augenhoehe+-+Der+kleine+Hannibal


18.10.2017
Aachen, Bushof

Begehung: 17.00 Uhr
Treffpunkt: Eingang VHS, Peterstraße 21-25
Mitwirkende: Marlies Breuer, Leitung VHS Aachen; Dr. Gudrun Escher, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 18 Uhr
Ort: Forum der VHS
Mitwirkende: Marlies Breuer, VHS Aachen; Niels-Christian Schaffert, Amt für Stadtentwicklung Aachen; Vertretung des Teileigentümers SaGeBau; Prof. Kunibert Wachten (angefragt); Dr. Gudrun Escher, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung: Kursnummer 10310
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:  www.vhs-aachen.de


11.10.2017
Bonn, Neues Stadthaus 

Begehung: 17.00 Uhr
Treffpunkt: Ecke Maxstraße / Breite Straße
Mitwirkende: Dr. Martin Bredenbeck / Alexander Kleinschrodt / Lena Latussek, Werkstatt Baukultur Bonn; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 18.30 Uhr
Ort: Stadthaus Bonn (Sitzungsraum 1), Berliner Platz 2 (Navi: Weyerstraße)
Mitwirkende: Dr. Martin Bredenbeck / Alexander Kleinschrodt / Lena Latussek, Werkstatt Baukultur Bonn (Vortrag); Katrin Bisping, Stadtkonservatorin Stadt Bonn; Guido Schlottmann, Stadtplanungsamt Stadt Bonn (Input); Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung: Kursnummer 6373
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
https://www.vhs-bonn.de/suche/kursdetails.html?courseId=484-C-U6373


04.10.2017
Bochum, Ruhr-Universität

Begehung: 17.00 Uhr
Treffpunkt: „Uni-Brücke“, oberhalb der U-Bahn-Haltestelle Ruhr-Universität
Mitwirkende: Dr. Frank Schulz (steg NRW), Dr. Alexandra Apfelbaum, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 19.00
Ort: SSC (Studierenden Service Center) 2 / 119, Nähe Uni-Brücke
Mitwirkende: Dr. Ilka Mecklenbrauck, Stadt Bochum (Input); Prof. Wulf Schmiedeknecht BDA Bochum; Ina Schwarz, Dezernentin Bau und Liegenschaften RUB (Input); Dr. Frank Schulz, steg NRW; Yasemin Utku, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung: VHS Bochum, Kursnummer 13022
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
www.vhs-bochum.de


27.09.2017
Dortmund, DoC Medical Center

Begehung: 17.00 Uhr
Treffpunkt: Eingang DoC Medial Center, Kampstr. 45
Mitwirkende: Alexandra Apfelbaum, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege; Stefan Rethfeld, Münster; Prof. Eller, Düsseldorf
Vortrag/Diskussion: 18.00 Uhr/19.00 Uhr
Ort: DoC Medial Center, Kampstr. 45
Mitwirkende: Stefan Rethfeld, Münster (Vortrag); Prof. Eller, Düsseldorf (Vortrag); Richard Schmalöer, BDA Dortmund; Dr. Alexandra Apfelbaum, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung: Kursnummer: 172-55000
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS:
https://vhs.dortmund.de/index.php?id=116&kathaupt=11&knr=172-55000&kursname=Mit+den+Riesen+auf+Augenhoehe+-+Commerzbank+und+das+DoC+Medical+Center


 

18.09.2017
Duisburg, „Weiße Riesen“

Begehung: 16.00 Uhr
Treffpunkt: Hanielstraße 36-38, vor dem Hochhaus „Roter Riese“
Mitwirkende: Gudrun Escher, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege
Vortrag/Diskussion: 20.00 Uhr
Ort: VHS Duisburg, im Stadtfenster
Mitwirkende: Architekt Christoph Nellehsen; Vertreter des Landschaftsarchitekturbüros Kipar Duisburg; Vertreter des Stadtentwicklungsdezernats Duisburg; Birgit Breustedt, NRW Urban; Dr. Gudrun Escher, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege (Moderation)

Anmeldung VHS: Kursnummer SZ1203
link zur Veranstaltung auf der Internetseite der VHS: www.vhs-duisburg.de


 

Die Teilnahme an den Veranstaltungen ist kostenlos; genauere Informationen zu Zeit und Ort der einzelnen Veranstaltungen sowie die Anmeldung erfolgen über die örtlichen Volkshochschulen. Das Programm sieht elf Termine vor und eine Übersicht kann hier heruntergeladen werden (PDF)


Rückblick auf die Jahrestagung Städtebauliche Denkmalpflege 2017

WEITER BAUEN – Werkzeuge für die Zeitschichten der Stadt

Die Veranstaltung zeigte, dass das Thema „Entwicklung moderner Werkzeuge für Zeitschichten der Stadt“ auf unterschiedliche Weise, mit teilweise sehr kreativen Ansätzen, beantwortet werden kann. Diese reichen von der neu interpretierten  Anwendung traditioneller Instrumente, wie etwa der Ausweisung eines heterogenen Altstadtquartiers in Bad Hersfeld als  Sanierungsgebiet bis hin zu den Versuchen der Initiative „Brutalismus im Rheinland“, die vom Abriss bedrohten Gebäude der Nachkriegszeit durch Internetauftritte und Aktionen zu erhalten.

 Foto: Uwe Grützner

Nach den Grußworten zur Tagung wagte der Historiker Prof. em. Dr. Lucian Hölscher in seinem Einstiegsvortrag einen Blick in die Zukunft. Die aufeinander folgenden Phasen von Errichtung, Nutzung, Überbauung und schließlich Entsorgung von Bauten verweisen – so Hölscher – auf eine Dialektik von Utopie und Enttäuschung in den Architektur- und Stadtplanungen des 20. Jahrhunderts. Den Bauwerken der Gegenwart ist demnach eine spezifische Zukunftsästhetik inhärent, die der neuen Gesellschaft der Zukunft eine visuelle Signatur zu geben verspricht. Anhand des diagnostizierten Befundes befand Hölscher, dass wir „am Beginn einer neuen Phase des Aufbruchs“ stünden, was einige Zuhörer*innen etwas ratlos zurück ließ. Unabhängig davon, hätte man sich gewünscht, dass dieser Vortrag die Tagung abgeschlossen hätte. Viele der an der mitunter düsteren Praxis leidenden Denkmalpfleger*innen und historisch interessierte Stadtplaner*innen hätten getröstet den Heimweg angetreten können.

Die nachfolgenden Beiträge befassten sich dann mit den ganz realen Problemen einer durch Wachstum, Verdichtung und Ergänzung gekennzeichneten Stadtentwicklung, wobei augenfällig war, dass Schrumpfungsprozesse nur am Rande thematisiert wurden. Ein Desiderat, was einer zukünftigen Tagung vorbehalten sein könnte.

Eher theoretisch näherte sich Hans-Rudolf Meier, Professor für Denkmalpflege und Bauforschung an der Bauhaus-Universität Weimar dem Thema „Werkzeuge für die Zeitschichten der Stadt“. Er fragte nach den Aufgaben einer zukunftsgerichteten Denkmalpflege, die, über die rein defensive Verteidigung des Bestandes, prospektiv agieren und sich frühzeitig in Planungsprozesse einbringen müsste. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die für die institutionelle Denkmalpflege erwartbaren Chancen und Potentiale durch einen hohen Grad von Partizipationsaufwand unterfüttert werden.

In diesem Kontext zeigte das von Judith Sandmeier, Referentin beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, vorgestellte Kommunale Denkmalkonzept (KDK), wie das Dilemma unzureichende Personalressourcen der Denkmalbehörden und wachsender gesellschaftlicher Ansprüche gelöst werden kann. Beim KDK werden auf Grundlage denkmalpflegerischer Erhebungsbögen unter Federführung der Kommunen dem jeweiligen Ort geschuldete spezifische Konzeptionen erarbeitet, in die alle Beteiligten eingebunden werden. Von der „Analyse zur Konzeption“,  so könnte man diese Herangehensweise charakterisieren, die vorerst in 20 kleineren Orten in Bayern erprobt wird. Eher dazu im Kontrast steht die überschaubare Aufgabe der Konversion denkmalwerter Kasernen in Münster, die von Siegfried Thielen vorgestellt wurde. Auf Grundlage eines großen Erfahrungsschatzes in der Umnutzung von ehemaligen Kasernen, konnten  inzwischen die städtebaulichen Konzepte mittels eines ganzheitlichen und intensiven dialogorientierten Ansatzes für zwei weitere seit 2012 aufgegebene Kasernen erarbeitet werden.

Im 2. Block zeigten Akteure auf, wie ein moderner „Werkzeugkasten“ zum Erhalt sperriger Bauten der Nachkriegszeit intelligent gefüllt werden kann. So setzt sich die Initiative „Brutalismus im Rheinland“, die von Anke von Heyl vorgestellt wurde, über soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram für den Erhalt „brutalistischer“ Bauten im Rheinland ein und erreicht damit ein breites internationales junges Publikum weit über das Rheinland hinaus. Über die Webseite www.brutalisten.de sammeln die Akteure Informationen und betreiben einen Blog. Als Teil einer international agierenden Bewegung gelingt es ihr damit den Unterstützerkreis für den Erhalt der Nachkriegsmoderne signifikant zu erweitern. Einen anderen Weg zeigte Theo Deutinger mit der von ihm gegründeten Initiative „Ruhrmoderne“ auf. Sie betrachtet das Erbe der Moderne der Nachkriegszeit im Ruhrgebiet nicht unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten. Vielmehr möchte die Initiative die Nachkriegsarchitektur, nach ihrer Hochblüte zur Zeit ihrer Erbauung und ihrem Verfall Ende des vorherigen Jahrhunderts, in einen Transformationsprozess überführen, um sie vor der drohenden Vernichtung zu bewahren: ein schönes Beispiel für die Materialisierung der weiter oben erwähnten Überlegungen von Hölscher. Die Initiative „Kerberos. Zum Schutz Berliner U-Bahnhöfe“, für die Ralf Liptau anwesend war, hat sich dem Erhalt der Berliner U-Bahnhöfe der Nachkriegszeit verschrieben. Ausgelöst durch das Sanierungsprogramm der Berliner Verkehrsbetriebe, dem schon zahlreiche Stationen zum Opfer fielen, haben sie in einem offenen Brief auf den baukulturellen Wert der U-Bahnhöfe hingewiesen und damit das Interesse der Öffentlichkeit und schließlich der institutionellen Denkmalpflege geweckt. Seither sind einige der 173 U-Bahnhöfe unter Schutz gestellt worden. Weitere sollen folgen. Der Erfolg der Initiative ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass der Bevölkerung durch ihre tägliche Nutzung der Verlust, einiger der über Jahrzehnte vertrauten U-Bahnhöfe, schlagartig bewusst wurde. Dr. Christoph Rauhut vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz betrachtete schließlich die große Menge der zwischen 1950 und 1980 errichteten Gebäude in Deutschland, von denen ca. 40 Prozent Wohnbauten ausmachen. Diese stünden nur circa 20 Prozent Wohnbauten älterer, und in der Bevölkerung beliebterer Zeitschichten gegenüber. Die enorme Zahl zwinge dazu den Prozess von Erfassung und Erhaltung zu „demokratisieren“. Bildung, Interesseweckung, Begeisterung, Engagement von Künstlern und Initiativen, Gleichberechtigung von Denkmal und erhaltenswerten Bauten, das alles und noch einiges mehr könnten zu einem gesellschaftlichen Aufbruch, wie etwa in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, führen, mit dem das Drama der großen Zahl beherrschbar würde. Der in der Diskussion aufkommende Begriff der „Schönheit“ als Auswahlkriterium, wäre unter diesem Ansatz nur einer von vielen.

Ein Thema, dass schon bei anderen Veranstaltungen der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege eine Rolle spielte ist der Weiterbau, d.h. die Veränderung historischer Zeitschichten. Nunmehr aber unter dem Blickwinkel der Implementierung moderner Werkzeuge. Ein eindrucksvolles Beispiel wurde von Helga Sander, Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen, für die Erneuerung der Bochumer Straße in Gelsenkirchen vorgestellt. Ankerpunkte des 800 Meter langen Straßenzuges sind eine architektonisch qualitätvolle expressionistische Kirche und mehrere unter Denkmalschutz stehende, wenngleich heruntergekommene, Gründerzeithäuser. Mit immobilienwirtschaftlichen Maßnahmen, wie Ankauf, Sanierung, Entwicklung und Beförderung neuer Nutzungen wurde von der Sanierungsgesellschaft ein innovativer Weg in der Stadterneuerung beschritten, der dem Quartier, einschließlich der Hinterhöfe, seine ursprünglichen Würde zurückgibt. Vor ganz anderen Problemen stand die Stadtplanung von Bad Hersfeld, die ein Altstadtquartier mit angrenzenden brach gefallenen Gewerbe- und Einzelhandelsflächen städtebaulich revitalisieren will. Hier griff man auf das bewährte Instrument der Sanierungssatzung zurück, mit dem die heterogenen Stadtbereiche, unter großzügiger Entwicklung grün-blauer Infrastruktur, zu einem harmonischen Stadtraum entwickelt wurden. Während bei dem Beispiel aus Gelsenkirchen der Prozess der Erneuerung durch eine Grundstücksübertragung, mit anschließender Vermarktung, an die Stadterneuerungsgesellschaft realisiert werden konnte, stand in Bad Hersfeld die Städtebauförderung des Landes Hessen im Vordergrund. Für das Land Nordrhein-Westfalen, berichtete zum Schluss der Vortragsreihe Christine Kalka von dem Landesprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“, das als ganzheitlicher, stadtplanerisch-integrierter Ansatz verstanden wird. Mit ihm ist beabsichtigt die historischen Altstädte und Stadtbereiche als vitale Räume für alle Bereich des Lebens und für alle Gruppen der Stadtgesellschaft zu erhalten und weiter zu entwickeln. Nicht nur der physische Erhalt der denkmal- und erhaltenswerten Gebäude steht dabei im Vordergrund sondern gleichberechtigt sind auch „weiche“ Faktoren, wie etwa soziale, gesundheitliche und ökonomische Aspekte.

 Foto: Uwe Grützner

In ihrem  Schlusswort ließ Prof. Christa Reicher von der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege die Themen der Referate in ihren Kernaussagen prägnant Revue passieren. Darunter den Gedanken von Prof. Hölscher im Eingangsreferat, nach denen sich Bauten auch von depressiven Phasen erholen können. In den Amplituden der Zeitschichten folge auf eine Phase der Enttäuschung regelmäßig eine Phase des konstruktiven Aufbaus. Dem würde sie sich gerne anschließen.

Rainer Rossmann für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege


Rückblick auf die Jahrestagung 2016 der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege

„JENSEITS DES GEBAUTEN – Öffentliche Räume in der Stadt“

Mit etwa 150 Teilnehmenden traf die fünfte Jahrestagung der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege wieder auf ein interessiertes Fachpublikum. Das Themenspektrum der Referate und Diskussionsbeiträge bestätigte die Aktualität und Notwendigkeit einer intensiveren Beschäftigung mit dem öffentlichen Raum, ließ aber auch die Breite der Fragestellungen deutlich werden. Für eine Stadtplanung, die die öffentlichen Räume einbezieht, stelle die Städtebauliche Denkmalpflege eine wesentliche Leitlinie dar, noch aber werde der Fokus zu stark auf die Objekte selbst gelegt statt die Umgebung mit zu denken.  Mit den Instrumenten des Denkmalschutzes öffentliche Räume zu fassen, ist nicht einfach, zumal sie als Begriff im Handbuch der Städtebaulichen Denkmalpflege nicht enthalten seien, wie Dorothee Bloesler, LWL- Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, in ihrem Eingangsreferat ausführte. Elke Janßen-Schnabel vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland skizzierte später den Stand der Praxis. In Grenzfällen spreche man von einem „denkmalpflegerischen Interessensgebiet“ und versuche gemeinsam mit der Stadtplanung einen Leitfaden für die künftige Ausgestaltung zu erarbeiten. Beide trugen mit den Kernaussagen zum Thema bei, dass öffentliche Räume immer von gebauten Anlagen gefasst und dreidimensional zu denken seien und dass der Grundriss der Stadt das wichtigste Denkmal darstelle.

Tagung 2016Foto: Uwe Grützner

Als Einstieg ins Thema ließ Raimund Bartella, Kulturreferent des Dt. Städtetages, da er selbst erkrankt war, sechs Thesen zur kommunalen Kulturpolitik verlesen. Demnach zeige sich in den öffentlichen Räumen die Identität der Stadt, ihre Integrationsfähigkeit und Vielfalt und ihr Wille zu einer ressortübergreifenden qualitätsvollen Ausgestaltung. Kurz, der öffentliche Raum sei der Spiegel der Gesellschaft. Aktuell wird er positioniert zwischen einer „Verbetriebswirtschaftlichung“ (Bartella) und der Urbanisierung von Grün als „Alleskönnerraum“ (Christa Reicher) oder Verfügungsmasse unter städtebaulichem Wachstumsdruck. Er umfasst alles, Straßen und Plätze, Verkehrsbauwerke und Grünflächen oder aufgelassene Industrieanlagen mit einer Fülle administrativer Zuständigkeiten und doch ist er mehr als die Summe seiner Teile. Umso mehr gelte es, integrierte Handlungskonzepte auf solider historischer Analyse und im Austausch von Erfahrungen mit allen Akteuren aufzubauen und politisch abzusichern, einer Aufgabe, der sich alle Städte gegenübersehen, wie Berichte aus Zürich (David Ganzoni), Kopenhagen (Oliver Schulze) oder Paderborn (Claudia Warnecke) veranschaulichten.  Öffentliche Räume sind, das wurde klar herausgearbeitet, nicht das, was übrig bleibt, sondern wertvolle Möglichkeitsräume für das Ausbalancieren von Zielkonflikten und Nutzungskonkurrenzen und als solche riesige Denkräume „Jenseits des Gebauten“.

Dr. Gudrun Escher für die Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege

Der Veranstaltungsflyer:flyer-2016